Seit 2011 findet das jährliche Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in der Historischen Rathaushalle Mühlhausen statt. Und auch in diesem Jahr war der Raum am Holocaustgedenktag, dem 27. Januar 2026, bis auf den letzten Platz gefüllt, auch von vielen jungen Menschen – ein deutliches Zeichen, dass das Erinnern an die Verbrechen der NS-Zeit in der Stadt lebendig ist und von der Bevölkerung getragen wird.
„Auschwitz begann nicht in Auschwitz“
In seiner Eröffnungsrede betonte Oberbürgermeister Dr. Johannes Bruns: „Wer Auschwitz verstehen will, muss sich an völkisches Denken, Antisemitismus und Rassenhass erinnern – an die Verrohung der Sprache, die Zerstörung von Vernunft und Fakten.“ Er verwies zudem auf die Verflechtung der Vernichtungsmaschinerie mit lokalen Strukturen: „Das B-Lager in Mühlhausen, die Krematorien von Topf & Söhne aus Erfurt, die Logistik und Bürokratie – alles zusammen bildete ein System des Todes. Auschwitz wurde nicht nur in über 1000 Lagern umgesetzt – zu denen auch das B-Lager in Mühlhausen gehörte – sondern auch in Städten und Dörfern und von Millionen Deutschen – mit deutscher Gründlichkeit in Ministerien und Rathäusern, auch in unserer Stadt.“
Bruns stellte klar: Die Menschenwürde als zentraler Wert des Grundgesetzes sei eine bewusste Antwort auf die Verbrechen der NS-Zeit. „Wer die Opfer ehrt, muss Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat schützen – immer und immer wieder.“
Wachsamkeit in unsicheren Zeiten
Pfarrer Marcus Ebert vom Christlich-jüdischen Arbeitskreis beschrieb das gegenwärtige Unbehagen deutlich: „Wir leben heute mit dem schmerzhaften Gefühl, dass die Gewissheit in Demokratie zu leben, brüchig ist, dass wir wieder in einer Zeit leben, in der Menschen Angst haben müssen." Er appellierte an alle: „Deshalb müssen wir nicht nur erinnern, sondern wach bleiben. Wir müssen widersprechen, wenn Geschichte verbogen wird. Das schulden wir unseren Kindern und zukünftigen Generationen."
Wissenschaftliche Aufklärung: Bürokratie des Raubs
Prof. Dr. Christiane Kuller (Universität Erfurt) beleuchtete in ihrem Hauptvortrag die systematische wirtschaftliche Ausplünderung der Juden durch NS-Behörden. Anschaulich und am Beispiel des damaligen Oberfinanzpräsidenten für Thüringen dokumentierte sie, wie Finanzbehörden das Hab und Gut deportierter Juden raubten und verwerteten – vom Gewerbebetrieb bis zum Wintermantel – und wer davon profitierte. Kullers Analyse machte deutlich: Die Vernichtung war bürokratisch organisiert.
Gedenken an alle Opfer
Gemeinsam gedachten die Anwesenden aller Opfer des NS-Regimes: der Millionen ermordeten Juden, Sinti und Roma, der Kriegsgefangenen, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Menschen mit Behinderungen sowie derer, die wegen ihrer religiösen oder politischen Überzeugung sterben mussten.
Die Gedenkfeier wurde ausgerichtet vom Christlich-jüdischen Arbeitskreis im Kirchenkreis Mühlhausen, dem Mühlhäuser Geschichts- und Denkmalpflegeverein und dem Rotary Club Mühlhausen – unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Dr. Johannes Bruns.




























