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Heinrich Pfeiffer auf dem Bierausruferstein vor St. Marien

 Stadt und Bürger

Vor 500 Jahren fand die erste evangelische Predigt in Mühlhausen statt

„Höret zu, ich wil euch ein ander bier verkundigen!“ – Mit diesen Worten wandte sich Heinrich Pfeiffer am 8. Februar 1523 vor der Marienkirche an die Menge, die dort am Ende der alljährlichen Prozession am Sonntag nach Mariä Lichtmess versammelt war. Geblieben waren die Menschen noch, um wie üblich vom Ausrufer zu erfahren, bei welchen Bürgern gebraut worden war.

Bier mit geringerem Alkoholgehalt war zu jener Zeit als einziges keimfreies Getränk ein Grundnahrungsmittel und wurde von jedermann benötigt. Doch das Bier, dass Pfeiffer zu verkünden hatte, war anderer Art. „Liebes volgk, wer das wort gottes will hören, der soll stilschweigen und stilstehen.“

Die etwa 200 Zuhörer, die der Aufforderung folgten, wurden heute vor 500 Jahren Augen- und Ohrenzeugen der ersten reformatorischen Predigt in der Reichsstadt.

Heinrich Schwertfeger, genannt Pfeiffer, stammte aus Mühlhausen und war in jungen Jahren ins Kloster Reifenstein eingetreten. Der Zisterziensermönch hatte sich reformatorischen Gedanken verschrieben. Er entfloh dem Kloster und war zu Jahresbeginn 1523 bei Verwandten in Mühlhausen untergekommen. In der Heimatstadt ging er daran, die neue Lehre zu verbreiten. Ort, Tag und Stunde seiner ersten öffentlichen Predigt waren mit Bedacht gewählt. In weltlicher Kleidung bestieg Pfeiffer nach dem Bierausrufer das steinerne Podest vor dem Westportal von St. Marien.

Vom Inhalt der Predigt ist wenig überliefert. Den Bibeltext für jenen Sonntag über das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Mt 13,24-30) nutzte Pfeiffer zur Kritik an den kirchlichen Verhältnissen. Ungeheuerlich war es, Pfaffen, Mönche und Nonnen als Anhänger des Teufels und ihren Besitz als armer Leute Blut und Schweiß zu bezeichnen. Und doch fiel gerade eine derart drastische Darstellung in der Reichsstadt wie anderswo zuvor auf fruchtbaren Boden.

Entsprechend waren die Folgen: Schon zur Mittagsstunde jenes 8. Februar predigte Pfeiffer erneut, nun in der Marienkirche. Alle Versuche des Rates, solches Treiben gegen die hergebrachte Ordnung rasch zu unterbinden, blieben erfolglos. Pfeiffers Anhänger formierten sich zur Opposition gegen das alte Ratsregiment. Am 1. April 1523 verschworen sie sich untereinander und wählten mit den Achtmännern einen Ausschuss, der die Reformation des kirchlichen Lebens und den Verfassungswandel in der Reichsstadt vorantrieb.

Heinrich Pfeiffer wurde Pfarrer an St. Nikolai. Neben ihm wirkten bald auch andere Reformatoren in Mühlhausen. Mit Thomas Müntzer radikalisierte sich Pfeiffer immer weiter. Beide wurden nach der Niederlage im Bauernkrieg am 27. Mai 1525 als Aufrührer hingerichtet. Die Reichsstadt wurde zur Rückkehr zur katholischen Tradition gezwungen. Weitere Wechsel folgten in Mühlhausen, bis 1566 die Reformation nach lutherischer Lehre endgültig durchgesetzt wurde. Im Konfessionskonflikt seit 1523 wurden stets jene unter Zwang gesetzt, die abweichenden eigenen Glaubensüberzeugungen folgen wollten. Religionsfreiheit und Ökumene waren keine Ideen der Zeit. Die historische Erfahrung lehrt, wie wertvoll beides ist.

Helge Wittmann
Stadtarchivar

Sonderführung im Bauernkriegsmuseum Kornmarktkirche

Anlässlich von 500 Jahren reformatorischer Predigt in Mühlhausen bieten die Mühlhäuser Museen heute um 15 Uhr eine Sonderführungin der Ausstellung „Luthers ungeliebte Brüder“ im Bauernkriegsmuseum Kornmarktkirchean.

Eintritt und Führung: Erwachsene 8,00 € | Kinder (4 bis 14 Jahre): 2,00 € | Kinder bis 3 Jahre haben freien Eintritt.

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Westseite der Marienkirche, Ort der ersten reformatorischen Predigt in Mühlhausen am 8. Februar 1523. Foto: Stadt Mühlhausen